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Die fünf größten Fehler in der Hilfengebung

Als Reiterhilfen werden Zügel-, Schenkel-, Gewichts- und Stimmhilfen bezeichnet. Wie der Begriff schon sagt handelt es sich hierbei um Hilfen, das heißt die Reiterhilfen sollen dem Reiter helfen mit seinem Pferd zu kommunizieren. Korrekte Hilfengebung ermöglicht eine feine Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Pferd. 

In diesem Beitrag geht es um die fünf größten Fehler rund um das Thema Hilfengebung. Als Trainerin bin ich viel unterwegs und begleite eine bunte Mischung an Pferd-Reiter-Paaren. Alle sind sehr individuell und ich arbeite mit jedem an den unterschiedlichsten Themen. Aber diese fünf Fehler begegnen mir sehr häufig, daher habe ich sie jetzt einmal zusammengefasst und auch gleich die passende Lösung mit dazugepackt. Wenn du dich jetzt in einem dieser genannten Fehler wiedererkennst musst du dich nicht schämen. Diese Fehler begegnen mir wie gesagt recht häufig, du bist also nicht allein. Außerdem hörst du ja diesen Podcast, weil du etwas lernen und dich verbessern willst. Zur Weiterentwicklung gehören Fehler ebenso dazu wie Erfolge. Wichtig ist nur, einen Fehler zu erkennen und aus ihm zu lernen!

Der Bilderbuch-Sitz:

Du kennst sicher auch die Anweisungen, die durch die Reithalle schallen: Absatz tief, Brust raus, Kopf hoch, etc. Was passiert, wenn ich mich ganz exakt auf dieses Schema konzentriere? Ich versteife mich und drücke mich selbst in eine Schablone, in die mein Körper vielleicht gar nicht passt. Ebenso wie jedes Pferd individuell ist sind es auch wir Menschen! Nicht jeder hat einen exakt geraden Rücken oder man ist anderweitig einfach schief. Natürlich sollte man soweit wie möglich an sich selbst arbeiten (z.B. durch Physiotherapie, Yoga o.ä.) aber viel wichtiger ist es, locker und losgelassen zu sitzen, und zwar genau so wie man ist! Lass dich nicht in eine Schablone pressen, achte auf dein Gefühl, fühle dein Pferd. Ebenso wie in der Pferdeausbildung gilt auch bei der Ausbildung des Reitersitzes: ,,Form Follows Function‘‘ (Andrew Taylor Still, Begründer der Osteopathie). In Bezug auf den Reitersitz bedeutet das: Wenn die Funktion hergestellt ist, also dein Sitz funktional ist und du locker und losgelassen deine Hilfen geben kannst, dann folgt auch automatisch die richtige Form. Dazu brauchst du keine aufgezwungene Schablone! Die Funktion steht immer vor der äußeren Form. Leider arbeiten die meisten ReiterInnen viel zu wenig an ihrem Sitzgefühl. Oftmals lernt man als ReitanfängerIn an der Longe wie man ,,ordentlich‘‘ zu sitzen hat und sobald man einigermaßen sattelfest ist scheint das Thema Sitz abgehakt zu sein. Ich finde es sehr wichtig immer wieder am eigenen Sitz zu arbeiten, da der Sitz die Basis einer feinen Kommunikation und Hilfengebung darstellt. Dabei kann eine Sitz-Longe helfen und es gibt auch sehr viele Übungen ohne Pferd, die helfen den eigenen Sitz zu verbessern.

Sattelpassform & Schenkelhilfen:

Ein häufiges Problem bei der korrekten Ausführung der Schenkelhilfen ist die Sattelpassform. Für das korrekte Anwenden der Schenkelhilfen brauchen wir einen balancierten und gut koordinierten Reitersitz. Die Schenkel müssen losgelassen und beweglich sein. Bei den Westernsätteln haben wir oft das Problem, dass die Steigbügel recht weit vorne angebracht sind und das Reiterbein gerne zu weit vor rutscht. Bei vielen Dressursätteln sind die Pauschen sehr groß und das Reiterbein kann auch hier nicht losgelassen und präzise einwirken. Achte also beim Sattelkauf auch unbedingt darauf, dass der Sattel nicht nur dem Pferd sondern auch dir passt und du gut sitzen kannst. Wenn dein Sattel dich in eine unpassende Position setzt musst du immer mit vermehrtem Aufwand und Spannung gegen deinen Sattel arbeiten. Diese Spannung führt dazu, dass du nicht losgelassen sitzen kannst und deine Schenkelhilfen nicht präzise und fein beim Pferd ankommen können.

hilfengebung reiten
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Falsches Timing beim Treiben:

Ein weiteres sehr häufiges Problem mit Bezug auf die Schenkelhilfen ist das Treiben im falschen Moment. Das Pferd kann den treibenden Impuls des Schenkels nur direkt umsetzen, wenn es sich in der passenden Bewegungsphase befindet. Wenn du dein Pferd fleißiger haben möchtest bzw. die Hinterbeine zu vermehrtem Vortritt anregen möchtest musst du immer dann treiben, wenn sich das jeweilige Hinterbein in der Luft befindet und nach vorne fußt. Dann kann dein Pferd die treibende Hilfe sofort umsetzen. Wenn das Bein deines Pferdes auf dem Boden ist, also dein Pferd sich gerade in der Stützbeinphase befindet, kann das Pferd die treibende Hilfe nicht sofort umsetzen. Das Treiben endet also sozusagen im Boden. Die Pferde reagieren unterschiedlich auf dieses falsche Timing. Manche Pferde werden dann sehr eilig, weil sie den treibenden Impuls sofort umsetzen wollen. Das kann auch schnell zu falschen Taktverschiebungen führen. Die allermeisten Pferde stumpfen dabei jedoch ab und reagieren irgendwann nur noch sehr zäh auf treibende Hilfen. Dies wiederum führt in einen ungewollten Kreislauf: Das Pferd reagiert zäh auf die treibende Hilfe, der Reiter treibt immer mehr, das Pferd kann die Hilfen immer noch nicht umsetzen und stumpft noch weiter ab, der Reiter treibt noch mehr usw. Das richtige Treiben ist also sehr wichtig für eine feine Kommunikation mit deinem Pferd. Achte also immer darauf, in welchem Moment du deine treibenden Hilfen gibst und ob das Pferd sie in diesem Moment auch umsetzen kann! Wenn du dir nicht sicher bist, wann der richtige Moment ist bzw. in welcher Bewegungsphase sich dein Pferd gerade befindet empfehle ich dir dich an einen Trainer vor Ort zu wenden. An einer Sitz-Longe kannst du lernen, die Bewegungen deines Pferdes losgelassen zu spüren und der Trainer vor Ort kann dich direkt im richtigen Moment anleiten und unterstützen. Natürlich kannst du auch selbst etwas üben, wenn du ein braves Pferd hast. Lasse dein Pferd ganze Bahn gehen und konzentriere dich nur auf die Bewegungen deines Pferdes. Lasse deine Hüfte und deine Beine ganz locker und spüre dich in die Bewegungen ein. Wenn deine Beine locker genug sind, pendeln sie im richtigen Moment in Richtung Pferdebauch. Genau in diesem Moment kannst du das Pendeln verstärken und nachtreiben. 

Außengalopp durch falsches Timing:

Wenn dein Pferd mit Vorliebe in den Außengalopp springt kann das viele Ursachen haben aber eine häufige und leicht zu behebende Ursache ist auch hier das falsche Treiben. Auch beim Angaloppieren kommt es auf das richtige Timing der Hilfen an. Der innere Schenkel treibt das Pferd in den Galopp, wenn das innere Hinterbein vorschwingt. 

Deine treibende Hilfe setzt immer dann ein, wenn das jeweils innere Hinterbein deines Pferdes nach vorne fußt…

hilfengebung reiten
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Fußfolge im Trab
Fußfolge im Galopp (Rechtsgalopp)

Zu viel oder zu wenig Zügeleinwirkung:

Beim Thema Zügelhilfen sehe ich oft zwei Extreme: Manche Reiter trauen sich kaum die Zügel aufzunehmen und die Anderen sind zu viel und zu stark am Zügel dran. Das korrekte Maß der Zügelhilfen erfordert viel Gefühl und natürlich auch hier wieder einen korrekten zügelunabhängigen Sitz. Hier ein Tipp für alle, die sich nicht so recht trauen die Zügel aufzunehmen: Denkt daran, dass die Zügel-Hilfen dem Pferd helfen sollen. Ein gewisses Maß an Rahmen und Begrenzung gibt dem Pferd Sicherheit, etwas Anlehnung kann dem Pferd helfen sich gut zu balancieren. Zügel-Hilfen sind nicht per se schlecht, sie unterstützen das Pferd in seiner Balance und helfen ihm den Reiter besser und deutlicher zu verstehen. 

Und hier noch ein Tipp für alle, die gerne etwas zu viel Zügeleinwirkung nutzen: Das sehe ich meist bei Reitern, die etwas ängstlich sind und das Pferd so vermeintlich besser kontrollieren können. Aber meiner Meinung nach kann kein Pferd der Welt über eine Zügelhilfe wirklich kontrolliert werden. Pferde sind Fluchttiere und wenn sie Angst haben rennen sie weg. Wenn ich jetzt versuche über ein scharfes Gebiss das Pferd zu kontrollieren mache ich ihm noch mehr Angst und es rennt erst recht weg oder widersetzt sich und verliert das Vertrauen zum Reiter. Ziehen am Zügel bringt also keinerlei Kontrolle. Wahre Kontrolle bringt nur eine gute Beziehung und Vertrauen. Anstatt das Pferd über beidseitig Zügelhilfen zu bremsen und zu kontrollieren empfehle ich immer die Zügel etwas lockerer zu lassen, durchzuatmen und das Pferd in Biegungen und Wendungen zu leiten. Dadurch werden die meisten Pferde ruhiger, Biegung entspannt die Muskeln der Oberlinie und führt das Pferd in die Entspannung. 

Andere Reiter die zu viel Zügel nutzen sind nicht ängstlich, sondern sie wollen das Pferd in einer perfekten Form reiten. Hierzu möchte ich gerne nochmal den Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Still zitieren: ,,Form follows Function‘‘. Also die Form folgt der Funktion. Ziehe ich nun das Pferd mit dem Zügel in eine gewünschte Form dann müsste die Funktion der Form folgen, also zuerst wäre die Form da und dann müsste die Funktion dazu kommen. Das funktioniert leider nicht. Wir brauchen zuerst die Funktion, also ein losgelassenes Pferd, das sich im Takt bewegt mit aktiver Hinterhand und schwingendem Rücken. Wenn ich ein solches Pferd in der Funktion habe, dann wird es auch automatisch eine schöne Form annehmen und ich muss es nicht über den Zügel in die Form pressen. Der Zügel wirkt hier dann nur unterstützen und begleitend ein aber er gibt niemals die Form vor, wenn die Funktion noch nicht erfüllt ist. 

Das Pferd als ruhigen Zuhörer ausnutzen:

Pferde sind meist still und können nicht mit Worten widersprechen. Als ruhige Gesprächspartner müssen sie sich dann oft ein WirrWarr an Stimmhilfen anhören. Viele Menschen sprechen recht viel mit ihrem Pferd und irgendwo in diesen Worten ist dann auch noch eine Stimmhilfe versteckt. Zum Beispiel ,,ach komm mach doch mal ein bisschen schneller, na wie wärs denn, schnalzen, schnalzen, ja so jawoll und noch ein bisschen komm schon, schnalzen, schnalzen…‘‘ Das ist für das Pferd wirklich eine Meisterleistung herauszufiltern, was nun als Hilfe gedacht ist und was als Füllwort verwendet wird. 

Ich nutze die Stimmhilfen recht gern, weil ich damit den Pferden die Verknüpfung zwischen Bodenarbeit und Reiten erleichtern kann. Gerade bei jungen Pferden, die noch keine anderen Hilfen kennen finde ich das sehr hilfreich. Ich nutze kurze prägnante Stimmhilfen um das Pferd anzutreiben und beruhigende lang betonte Stimmhilfen um das Pferd zu bremsen. Wichtig ist immer die gleichen Stimmhilfen zu verwenden, sodass das Pferd nicht irritiert ist. Wenn ich mit einem Pferd arbeite vermeide ich auch sonstige Gespräche nebenher. Wenn ich etwas sage, dann gilt es dem Pferd und ist eine Hilfe. 

Wie bei allen Hilfen sollte auch die Stimmhilfe mit Bedacht eingesetzt werden und das Pferd sollte nicht mit Kommandos und Worten überschüttet werden.

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